Zu früh kommen – wenn der Körper schneller ist als man selbst

Vielleicht kennst du das: Du bist erregt, möchtest eigentlich noch weitermachen – und plötzlich merkst du, dass dein Körper schon einen Schritt weiter ist. Vielleicht passiert es immer wieder. Vielleicht nur in bestimmten Situationen. Vielleicht beschäftigt dich das Thema schon lange. Und vielleicht ist es vor allem der Gedanke danach, der schwer wiegt:
Warum kann ich das nicht einfach kontrollieren?
Aus einem Moment, der eigentlich mit Lust, Nähe und Erregung zu tun hat, kann so schnell Druck werden. Die Mehrheit der Männer beginnt ihr Sexualleben in der Adoleszenz mit einer Ejaculatio praecox (EP). Bei 3% bis 30 % aller Männer bleibt diese bestehen. Auch ca. 16% der Männer, die Analverkehr mit Männern haben kennen EP.
Was bedeutet eigentlich „zu früh“?
Menschen, die zu mir kommen und von einem „zu frühen Kommen“ erzählen, berichten von einer vorzeitigen Ejakulation (vor dem Aufnehmen des Penis), einer frühzeitigen (unter 1 Minute nach der Aufnahme des Penis) und von einer raschen (bis zu 2 Minuten nach der Aufnahme des Penis) Ejakulation. ABER: auch 1-Minuten-Sex kann geil und lustvoll sein.

Es geht also häufig nicht nur um die Zeit bis zur Ejakulation. Es geht vielmehr um das Gefühl, die eigene Erregung nicht ausreichend beeinflussen zu können. Um die Angst, den Partner oder die Partnerin zu enttäuschen. Um Scham. Oder um die Sorge: Beim nächsten Mal passiert es bestimmt wieder. Dabei gibt es keine allgemeingültige Zeitspanne, nach der Sex „zu kurz“ oder eine Ejakulation „zu früh“ ist. Sexualität ist sehr unterschiedlich – und auch die Vorstellungen davon, wie Sex ablaufen sollte, sind es.
Für mich ist deshalb eine andere Frage wichtiger:
Wie erlebst du deine Sexualität – und wie viel Einfluss hast du darauf, was in deinem Körper passiert?
Wenn aus Lust plötzlich Leistung wird
Viele Männer beginnen irgendwann, ihre Sexualität zu beobachten:

Bin ich schon zu erregt? Wie lange halte ich noch durch? Hoffentlich komme ich jetzt nicht. Was denkt sie oder er, wenn es schon wieder passiert?
Das ist verständlich. Schließlich möchtest du etwas verändern.
Gleichzeitig kann genau diese starke Selbstbeobachtung dazu führen, dass Sex immer mehr zu einer Art Prüfung wird. Du bist dann nicht mehr nur beim anderen Menschen und bei dir selbst. Ein Teil deiner Aufmerksamkeit ist ständig damit beschäftigt, deinen Körper zu kontrollieren. Und je wichtiger es wird, nicht zu kommen, desto schwieriger kann es werden, deine Erregung einfach wahrzunehmen.
In der Sexualtherapie schaue ich deshalb nicht nur auf die Ejakulation
Ein Ansatz, mit dem ich in meiner Arbeit unter anderem arbeite, ist Sexocorporel.
Dabei geht es darum, Sexualität nicht isoliert zu betrachten. Körper, Gedanken, Gefühle und Beziehung beeinflussen sich gegenseitig.
Der Körper
Wie baust du deine Erregung auf? Was passiert mit deiner Atmung, deiner Muskelspannung und deinen Bewegungen? Wie bewegst du dein Becken? Wie schnell verändert sich deine Erregung? Und bemerkst du die unterschiedlichen Stufen deiner Erregung überhaupt? Manchmal geht die Erregung sehr schnell nach oben, ohne dass die feinen Veränderungen dazwischen bewusst wahrgenommen werden.
Dann fühlt es sich irgendwann an wie: Eben war noch alles unter Kontrolle – und plötzlich geht nichts mehr. In der therapeutischen Arbeit kann es darum gehen, diese Zwischenräume wieder besser wahrzunehmen. Nicht mit dem Ziel, deinen Körper möglichst lange „auszuhalten“, sondern mit dem Ziel, mehr Möglichkeiten im Umgang mit deiner Erregung zu entwickeln.

Die Gedanken
Auch das, was während des Sex in deinem Kopf passiert, kann einen Unterschied machen. Vielleicht kennst du Gedanken wie:
Ich darf jetzt nicht kommen.
Ich muss länger durchhalten.
Ich muss es diesmal schaffen.
Sie/Er ist bestimmt enttäuscht.
Solche Gedanken sind nicht ungewöhnlich. Sie zeigen, dass dir etwas wichtig ist.
Gleichzeitig können sie zusätzlichen Druck erzeugen. Sex wird dann weniger zu einem gemeinsamen Erleben und mehr zu einer Aufgabe, die du erfüllen möchtest.
Wir schauen deshalb auch darauf, welche Gedanken deine Sexualität begleiten – und ob es andere Möglichkeiten gibt, mit ihnen umzugehen.
Die Gefühle
Sexualität ist nicht nur körperliche Erregung. Vielleicht fühlst du Lust und Vorfreude. Vielleicht aber auch Scham, Unsicherheit, Angst oder Frustration. Manchmal entsteht nach einer frühen Ejakulation ein Gefühl von Versagen. Vielleicht ziehst du dich zurück oder möchtest in den nächsten Tagen gar keinen Sex mehr. Und so kann sich mit der Zeit ein Kreislauf entwickeln: Ejakulation → Enttäuschung → Druck → Angst vor dem nächsten Mal → noch mehr Anspannung. In der Therapie geht es deshalb auch darum, diese Gefühle wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben, ohne sie zum nächsten Problem machen zu müssen.
Die Beziehung
Und dann gibt es noch die Ebene, die leicht übersehen wird: die Beziehung. Was passiert zwischen dir und deinem Gegenüber? Vielleicht hast du Angst, den anderen nicht befriedigen zu können. Vielleicht sprichst du kaum darüber. Vielleicht versucht dein Partner oder deine Partnerin, dich zu beruhigen – und trotzdem bleibt bei dir das Gefühl, nicht zu genügen. Manchmal entstehen auch Missverständnisse: Der eine glaubt, der andere sei unzufrieden. Der andere möchte eigentlich nur Nähe und Verständnis. Sexualität findet selten im luftleeren Raum statt. Sie ist eingebettet in eine Beziehung – oder zumindest in die Begegnung mit einem anderen Menschen.
Deshalb kann es hilfreich sein, auch diese Ebene gemeinsam anzuschauen.
Es geht nicht darum, möglichst lange zu können
Ein wichtiger Punkt in meiner Arbeit ist deshalb: Sexualität ist kein Wettbewerb um Zeit. Vielleicht möchtest du länger Sex haben. Das ist völlig legitim. Aber möglicherweise geht es um etwas anderes oder um mehr:
Deinen Körper besser wahrzunehmen.
Deine Erregung früher zu erkennen.
Mehr Spielraum zwischen Erregung und Ejakulation zu entwickeln.
Weniger unter Leistungsdruck zu stehen.
Dich beim Sex wieder sicherer zu fühlen.
Oder mit deinem Partner bzw. deiner Partnerin offener über Sexualität sprechen zu können.
Das Ziel muss nicht sein, deinen Körper zu kontrollieren.
Es kann vielmehr darum gehen, mit deinem Körper wieder besser in Kontakt zu kommen.
Vielleicht beginnt Veränderung mit einer anderen Frage
Statt: „Warum komme ich immer zu früh?“
könnte eine andere Frage am Anfang stehen: „Was passiert eigentlich in mir, kurz bevor ich komme?“ Was macht dein Körper? Was denkst du? Was fühlst du?
Und was passiert zwischen dir und dem Menschen, mit dem du gerade intim bist?
Genau dort kann Veränderung beginnen.
Veränderung ist möglich, lass sie uns gemeinsam beginnen.
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